Wanderhirt Fiorenzo Zenoni
Reportage vom Winter 2021
Wanderhirt Fiorenzo Zenoni wollte ich schon lange einmal auf der Winterweide besuchen. Das erste Mal begegnete ich ihm vor vier Jahren in Belp, beim Schafscheren. Nach Abschluss der Winterweide im Thurgau zieht er von Hof zu Hof und schert die Schafe verschiedener Bauern, darunter auch jene von Rudy Canonica. Doch dieses Jahr erhielt ich im Januar einen entscheidenden Hinweis: Es könnte Fiorenzos letzte Winterweide sein. Mit seinen 67 Jahren stand er vielleicht vor seinem Abschied. Also machte ich mich endlich auf den Weg in den Thurgau, genauer gesagt an einen Waldrand nahe Schönholzerswilen.
Fiorenzo war nicht allein. Begleitet wurde er von Lara Di Virgilio, drei Eseln, drei Hunden und natürlich rund 600 Schafen. Bei meinem ersten Besuch lag kaum Schnee, was mich etwas enttäuschte. Doch ich ahnte nicht, dass sich die Situation schon bald dramatisch verändern würde. Nur wenige Wochen später kam der Winter mit voller Wucht – und die Ostschweiz versank im Schnee. Erneut machte ich mich auf, diesmal für zwei Tage, um Fiorenzo und seine Herde zu besuchen.
Was ich vorfand, war eine Szenerie von stiller Dramatik: Am Waldrand standen sie gestrandet, eingeschneit, ohne Möglichkeit weiterzuziehen. Der Schnee reichte dem kleinen Esel bis an den Bauch, und die Schafe konnten das Gras nicht mehr erreichen. Es blieb nichts anderes übrig, als auf Silofutter umzustellen. Ein Bauer brachte die großen Folienrollen mit dem Traktor zur Herde. Von dort begann die mühsame Arbeit: Das Futter musste von Hand auf dem Boden verteilt werden, und zweimal täglich wurde die Umzäunung geöffnet, um die Schafe zum Fressen zu lassen.
Das Leben der Hirten konzentrierte sich rund um ein kleines Feuer. Hier wärmten sich Fiorenzo, Lara, die Esel und die Hunde gleichermaßen. Als Schlafplatz diente ein einfacher Holzunterstand – offen zur Vorderseite, nur ein spärlicher Schutz gegen die winterliche Kälte.
Niemand ahnte zu diesem Zeitpunkt, dass sie hier noch ganze zwei Wochen ausharren würden. So lange dauerte es, bis der Schnee und die geführchtete Eisschicht darunter schmolzen und die Schafe wieder an das Gras gelangen konnten.
Fiorenzo, ein Hirte aus dem norditalienischen Val Seriano in der Provinz Bergamo, hütet seit 40 Jahren Schafe im Thurgau. Bereits als 14-Jähriger begann er, mit Schafen zu arbeiten. In diesem Jahr begleitete ihn erneut Lara Di Virgilio, eine junge Frau aus dem Tessin. Sie fiel mir sofort auf – nicht zuletzt wegen ihres hohen, markanten Huts, der mich unweigerlich an Gandalf aus Herr der Ringe erinnerte. Ihre Hüte fertigt Lara übrigens selbst. Wer Interesse hat, kann sich gerne bei mir melden – ich leite Anfragen an sie weiter.
Fiorenzos letzte Winterweide war für mich mehr als nur ein Besuch. Es war eine Reise in ein einfaches, aber intensives Leben – voller Entbehrung, Naturgewalten und unerwarteter Stille. Ein Leben, das uns moderne Menschen in vielerlei Hinsicht Demut lehrt.